Geschichte der Beueler Weiberfastnacht

Auf der Sonnenseite Bonns, auf den grünen Wiesen des Beueler Rheinufers, hat sich seit Jahrhunderten ein Gewerbezweig etabliert, der von dieser Lagegunst besonders profitierte: Das Wäschereigewerbe.

Über 190 Jahre ist es her: Anno 1824 fassten dann, im einstigen Wäscher- und Fischerdorf Beuel, beherzte Wäscherinnen den folgenschweren Entschluss, die Männerherrschaft im Karneval aufzubrechen. Am Donnerstag vor den tollen Tagen, als ein Großteil des Beueler Männervolkes zu Schiff nach Köln unterwegs war, um die von den Frauen gewaschene und geplättete Wäsche auszuliefern, schlossen sie sich zu einem Damenkomitee zusammen und schlugen die erste Schlacht gegen Griesgram und Muckertum. Daß die Beuelerinnen es an den tollen Tagen ziemlich heftig trieben, belegte sogar ein - nicht mehr existierendes - Bauwerk: am Brückenpfeiler der ersten Rheinbrücke befand sich als Pendant zum berühmten "Bröckemännche" eine "keifende Waschfrau" (Waschfrau).

Diesen bösen Ruf hatte den Beueler Wäscherinnen aber nur ihr Treiben bei der Weiberfastnacht eingetragen. Sie waren ansonsten das ganze Jahr lammfromm und zeigten alleine am Donnerstag vor Fastnacht etwas von ihren Emanzipationsbestrebungen. Damit sind die ersten emanzipatorischen Gedanken im Rheinland von den Beueler Wäscherinnen in die Lande getragen worden.

Tradition verpflichtet bekanntlich. Die Idee der Beueler Wiever trat schon bald ihren Siegeszug durch die rheinischen Lande an, was dann mit der Zeit sogar heimatbewußte Beueler Männerherzen höher schlagen ließ. Die Herren der Schöpfung spielten mit, und so wurde aus der Beueler Weiberfastnacht mit dem Sturm auf das Rathaus ein großes Fest. Daran beteiligen sich seit 1957 nicht nur das Alte Beueler Damenkomitee von 1824, sondern sämtliche Komitees - zur Zeit sind es siebzehn - aus allen Ortsteilen.

Der Ausgang dieser stürmischen Eroberung ist immer derselbe, aber mit welchen Mitteln die Frauen zum Durchbruch kommen, bleibt jedes Jahr ein "gutgehütetes Geheimnis".

Zum Erfolg der Weiberfastnacht trug natürlich auch die seit 1958 alljährlich proklamierte Wäscherprinzessin bei, die zusammen mit der Obermöhn als "Zweigestirn am Beueler Karnevalshimmel" leuchtet. Und nicht nur am Beueler! Ganz Bonn ist stolz auf die oberste Repräsentantin, zumal die Figur der Wäscherprinzessin im - an Tollitäten nicht gerade armen- Rheinland einmalig ist.

Einmalig ist jedoch die Verbindung von Obermöhn und Wäscherprinzessin. Seit 1957 erstürmen alle Beueler Damenkomitees am Weiberfastnacht gemeinsam das Rathaus, seit 1958 hilft dabei "Ihre Lieblichkeit, die Wäscherprinzessin".

Neben den "robusten Weibern" mit der Obermöhn an der Spitze wurde bewußt der Charme eines jungen Mädchens gestellt, um die Stadtgewaltigen schneller geneigt zu machen, die Regierungsgewalt an die aufbegehrenden Frauen abzutreten.

Der Schutzbrief, der nach dem Rathaussturm der Wäscherprinzessin überreicht wird, ist äußeres Zeichen der Übernahme "der Rathausgewalt".

Der Begriff der Wäscherprinzessin muß nicht erläutert werden, weil er für sich spricht. Anders ist das jedoch bei dem Begriff "Obermöhn". Die Vokabel "Obermöhn" mag für nichtrheinische Ohren fast beleidigend klingen - im Rheinland ist sie aber keinesfalls negativ besetzt, im Gegenteil: Sie verkörpert im Beueler Karneval die frauliche, gemütsvolle, bodenständige Rolle, die mitten im Leben steht und wortgewandte Speerspitze des Beueler Damenkomitees ist. Ein Fremder wird dies erst begreifen können, wenn er selbst die Beueler Weiberfastnacht miterlebt und sich nach und nach ein Gespür für die Untertöne des Rheinischen Frohsinns erworben hat.

Erste uns bekannte Präsidentin oder Obermöhn war Frau Agnes Lohr geborene Fritzen. Nachfolgerin wurde ihre Tochter Anna Uckerath geborene Lohr. Dieser großen Präsidentin folgte Käthe Thiebes geborene Stein und Agnes Thiebes geborene Mühlens. Tinni Winterscheid geborene Michalski übernahm danach das Amt der Präsidentin. Nach dem Krieg hat Anna Krause die Ära der großen Präsidentinnen des Alten Beueler Damenkomitees 1824 fortgesetzt. Von 1957 bis 1973 prägte Maria Balzer als Präsidentin des Alten Beueler Damenkomitees die Funktion der "Obermöhn". Ihr folgten Erna Neubauer, die dieses Amt über Beuel hinaus bekannt gemacht hat, und Evi Zwiebler. Im Februar 2012 übernahm Ina Harder das Amt der Komiteepräsidentin. Traditionell wurde damit die "Ur-Beuelerin", die bereits als Wäscherprinzessin über Beuel (1989) und als Bonna über Bonn (2006) regierte, auch die neue Obermöhn von Beuel.

Überhaupt hat sich die Beueler Weiberfastnacht viel von ihrer Urwüchsigkeit bewahrt, auch wenn der Sturm auf das Rathaus mittlerweile sogar "live" im Fernsehen mitzuverfolgen ist, der Bundeskanzler das Beueler Zweigestirn empfängt und aus anfänglichem Kaffeeklatsch Gala-Sitzungen geworden sind. Und nach wie vor gestalten die Damenkomitees das Programm bei der Proklamation der Wäscherprinzessin mit eigenen Kräften, was dann eben jenen kräftigen "Stallgeruch" nach sich zieht. Dass auch der Straßenkarneval nicht zu kurz kommt, beweist der große Karnevalszug durch Beuel, übrigens weit und breit der einzige närrische Lindwurm, der sich an Weiberfastnacht durch die Straßen schlängelt.

To top

190 Jahre Beueler Weiberfastnacht - Ein Blick zurück

Was vor 190 Jahren begann, hat Bestand bis zum heutigen Tag. Also viel mehr als die Skeptiker und Bedenkenträger den couragierten und emanzipierten Beueler Frauen einst zugetraut haben. Urwüchsiges und unverfälschtes Brauchtum wurde von Generation zu Generation vererbt und bewahrt. Dies sollte am Jubiläum alle mit Stolz und Genugtuung erfüllen, die dem Wertbegriff Heimat einen höheren Stellenwert einräumen wollen als der Zeitgeist es zulassen will.

An der Langzeitstrecke von 190 Jahren gab es nicht immer freie Fahrt. So galt es auch, Hindernisse zu überwinden, Stolpersteine aus dem Weg zu räumen und die richtige Route einzuschlagen. An so mancher Wegekreuzung wurden Mut und Entscheidungsfreude gefordert. Beim Blick zurück darf man heute befriedigt feststellen, daß sich der eigentliche Kern des Geschehens bei der inzwischen weltbekannten Beueler Weiberfastnacht in seiner Ursprünglichkeit erhalten hat. Verändert haben sich nämlich nur die Rahmenbedingungen. Geblieben sind optimistische Lebenseinstellung, rheinische Fröhlichkeit, eine gute Portion Selbstbewußtsein und das, was das Motto 1969 so ausdrückte: Met Freud' schaffe mer alles!"

Die historischen Fakten für die Entstehung der Beueler Weiberfastnacht und die Gründung des "Alten Beueler Damenkomitees 1824 e.V." sind hinlänglich bekannt.

In dieser Dokumentation wird mehrfach darauf eingegangen. Die Botschaft, die damals von den Beueler Wäscherinnen und Bleicherinnen ausgesandt wurde, hat ein deutliches Zeichen gesetzt.

Es wird heute so viel von der Rolle der Frau in Staat und Gesellschaft geredet und geschrieben. Beim Quellenstudium für die hochgepriesene Emanzipation muß man doch zwangsläufig auf die Beueler Wäscherinnen stoßen. Der Preise und Auszeichnungen werden in unserem Zeitalter so viele vergeben. Ob jemals ein Gremium daran gedacht hat, in der Beueler Weiberfastnacht mehr zu sehen als nur Ausgelassenheit, einen Rausch von Leichtlebigkeit und einen Gipfelsturm der Fröhlichkeit? Ganz zu schweigen vom völkerverbindenden Element und dem Europagedanken. Sei's drum! Der Freude am Jubiläum tut es keinen Abbruch und der Jubilar, das Alte Beueler Damenkomitee, wird auch weiterhin auf dem Weg bleiben, der sich durch 175 Jahre bewährt hat.

Vieles um die ersten Jahrzehnte von Damenkomitee und Weiberfastnacht liegt noch im Dunkeln der Vergangenheit.

Bei ernsthaften Nachforschungen, Fakten und Entwicklungen mit Dokumenten zu belegen, wird man sehr schnell an Grenzen stoßen. Erschwert wird eine historische Aufarbeitung durch den Umstand, daß Chroniken, Vereinshefte, Bilddokumente und andere Unterlagen bei einem Bombenangriff vernichtet wurden. Spärliche Signale findet man auch aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Der Erste Weltkrieg und die Inflation haben in diesen Jahren sicher ihren Tribut gefordert. Ein Zeitungsbericht aus dem Jahre 1902 vermeldet, daß die "schneidige Präsidentin Anna Uckerath" im Clubhaus das närrische Treiben gesteuert habe. (siehe Die Deutsche Reichszeitung...)

Trotz massiver Einflußnahme durch die Nationalsozialisten gelang es dem Alten Beueler Damenkomitee, in den ersten Jahren der braunen Machthaber die Tradition fortzusetzen. Unter dem beziehungsreichen Motto, "Am guten Alten, sollst du halten", traf man sich am 28. Februar 1935 im damaligen Hotel "Rheingold" zum karnevalistischen Treiben.

Ein Jahr zuvor schwangen Maria Alex als Präsidentin und Tinni Winterscheid als Schultheißin (!) das Narrenzepter. Selbstbewußt stellte die Präsidentin am 26. Februar 1934 fest: "Unsere Frauen werden am Donnerstag unter Beweis stellen, was es heißt, eine hundertjährige Tradition zu wahren." Am 20. Februar 1936 wird bei der "Brillant-Sitzung" im Rheingold Grete Zöller als "schneidige Schultheißin" angekündigt.

Die Deutsche Reichszeitung in Bonn berichtet am 7. Februar 1902:

In Beuel hatten gestern die Frauen anläßlich des Weiberfastnachts vollständig das Regiment. Dieser Frauentag wird wohl kaum in einem anderen Ort in solch großartigem Maßstab gefeiert, wie in Beuel. Schon lange vor dem Festtage halten die Frauen des Komitees ihre Versammlungen und Generalversammlungen, um ein großartiges Programm auszuarbeiten. Das diesjährige Fest wurde eröffnet durch einen karnevalistischen Zug, welcher sich gegen 3 Uhr unter den Klängen eines Musikcorps durch die Straßen bewegte. Zuerst im Zuge marschierte das Frl. Fähnrich und die "Fahnenjungfern" mit einem Banner, das die Aufschrift trug: "Hoch die Frauen". Die närrischen Genossinnen folgten damit karnevalistisch kostümiert zu Fuß und zu Wagen. Nachdem der Zug im Klubhaus, für diesmal Restaurant Weiler, eingetreten war, begann dort unter der schneidigen Präsidentin Frau Uderath das närrische Treiben. Gemeinschaftlicher Kaffee, Reden, Lieder und Büttvorträge der Genossinnen sorgten für die richtige Stimmung. Nach dem Abendessen wurde dann auch endlich den draußen harrenden Männern gestattet, in den Saal zu kommen - denn wehe dem Manne, der es gewagt hätte, sich in den Saal zu begeben, ehe die Frauen dazu die Erlaubnis erteilt hätten. Erst zum Schluß, einem fröhlichen Tänzchen, legten die Närrinnen die Alleinherrschaft nieder.

Einschließlich Kaffee und Kuchen kostete der Eintritt zwei Reichsmark. Die wenigen Quellen, die hauptsächlich aus schon vergilbten Zeitungsausschnitten bestehen, lassen darauf schließen, daß die jeweiligen Sitzungsprogramme ausnahmslos von eigenen Kräften bestritten wurden. So ist auch in dieser Zeit die Rede von kleinen Theaterstückchen, die teilweise mit viel Lokalkolorit gewürzt waren. Und in diesem Zusammenhang fällt auch immer wieder der Name "Stitze Männ". Dieses Original übernahm in den Theaterstücken jeweils die Hosenrolle.

Näheres über eine Kultfigur der Beueler Weiberfastnacht finden Sie hier. Heimatforscher Johann Ignatz Schmitz erzählt dort ausführlich die Stitze-Männ-Story.

Übrigens hat der Staat auch damals schon bei Karnevalsveranstaltungen die Hand aufgemacht. So hatte das Alte Beueler Damenkomitee für das Weiberfastnachts-Geschehen am 8. Februar 1934 17 Reichsmark und 20 Pfennig an die Beueler Gemeindekasse abzuführen. Der Zweite Weltkrieg schlug viele Wunden und ging auch an Beuel nicht spurlos vorbei. Um so mehr richteten sich alle Hoffnungen auf den Neubeginn. Mit verhaltenem Optimismus drückte dies eine Überschrift im "Mitteilungsblatt der Gemeinde Beuel" vom 18. Februar 1949 so aus: "Neuer Lebensmut strömt aus den Quellen des uralten Volksfestes". Mit dem 125jährigen Jubiläum des Damenkomitees begann in der Tat eine neue Ära.

Der unvergessene Heimatforscher Prof. Heinrich Neu stellte an der Spitze eines Festausschusses die Weichen für ein Ereignis, das damals auch außerhalb Beuels aufhorchen ließ. Ja, man kann sagen, die Welt blickte auf Beuel. Film, Wochenschau, Funk und Fernsehen gaben sich ein Stelldichein und berichteten über das umfangreiche Festprogramm. Das war eine Wende, die, wie sich bald herausstellen sollte, völlig neue Weichen stellte.

Nach dem rasanten Aufschwung, den das Damenkomitee zu verzeichnen hatte, gab es begehrliche Blicke vom damaligen "Vaterstädtischen Verein". Er reklamierte für sich die Federführung im Beueler Karneval, biß sich aber bald an der Hartnäckigkeit der Beueler Wiever die Zähne aus. Der "Vaterstädtische" verschwand schließlich von der Bildfläche und die Idee von einer Wäscherprinzessin als Repräsentantin der Beueler Weiberfastnacht wurde geboren. 1958 war es so weit. Barbara I. (Beu) wurde in glanzvollem

Rahmen proklamiert und übernahm die Regentschaft über die Damenkomitees. Als Paten fungierten Bürgermeister Johann Link und Stadtdirektor Franz Brock.

Sturm auf das Rathaus im Jahre 1957 Die "Weiber" vom Damenkomitee Beuel 1824 vor der "Erstürmung des Rathauses" im Jahre 1957.

Weitere Meilensteine über die Beueler Weiberfastnacht findet man in der Schrift von Johann Ignaz Schmitz. "Beueler Weiberfastnacht, ein altes Volksfest" (Schriften des Heimatvereins Beuel, 1949) und in der Festschrift des Beueler Damenkomitees zur 150. Beueler Weiberfastnacht (1972).

Was jetzt begann, führte zu neuen Ufern. Die Grundideen mit Wäscherprinzessin, Karnevalszug und Rathaussturm wurden ständig verfeinert und steckten den Rahmen für eine Szenerie ab, die heute nicht mehr aus dem Karnevalsgeschehen der Region wegzudenken ist. Beim glanzvollen 150jährigen Bestehen hat sich das Konzept weiter verfestigt und gesteigert.

Die bisher 40 Wäscherprinzessinnen, die den strahlenden Mittelpunkt der Beueler Weiberfastnacht bildeten, sind eine stolze Bilanz. Sie verweist auch neidische Nachbarn in die Schranken, die der Wäscherprinzessin den Bonner Prinzen zur Seite stellen wollen. Diese Schnapsidee sollte möglichst umgehend im Mülleimer der Heimatgeschichte verschwinden. Vielmehr gilt die bewährte Parole: "Beuel bleibt Beuel".

Georg Dreher

Einmaliges Volksfest: Am Tag nach Weiberfastnacht stellte die "Bonner Rundschau" 1960 fest:

"Beuel erwies sich gestern der Würde, Geburtsstätte und Hochburg der rheinischen Weiberfastnacht zu sein, durchaus würdig. Es erlebte durch den närrischen Sinn seiner Frauen ein Volksfest, das im ganzen Bonner Raum einmalig ist. Kein Mann blieb ungeküßt. Hätten das die Bonner Schmecklecker gewußt!"

To top