Der Stitze Männ

Sie war kein Typ, sondern im wahrsten Sinne des Wortes ein Original, eine einmalige Erscheinung in der Beueler Bevölkerung. Und Beuel ist stolz auf seinen Stitze Männ. Die Jugend darf sich ein Beispiel nehmen an dieser tapferen, lebenstüchtigen Frau, die trotz ihrer 83 Jahre noch jung geblieben ist in ihrem Herzen, jung und frisch, wie nur ein Kind vom Rhein sein kann. Generationen hat sie bewiesen, wie man das Leben meistert und wie man sich hier in unserer Heimat, am sonnigen Ufer des schönsten aller Ströme, das heitere Gemüt bis ins hohe Alter bewahrt. Wie der Stitze Männ zu seinem Namen kam? Nun, jeder Beueler weiß es. Aber lassen wir es uns noch einmal selbst von ihr erzählen:

"Mein Brüderchen, der Männ, starb schon als Kind im Alter von acht Jahren. Untröstlich war mein Vater. Ich weiß nicht, was mich mehr quälte, der Tod des lieben Bruders oder der Schmerz des Vaters. Da nahm ich mir denn ein Herz, als der Vater bitterlich weinte und fragte ihn in meiner kindlichen Einfalt: "Papa, wenn ich Dir jetzt mal was sage, weinst Du dann nicht mehr?" Der Vater schaute mich an. Aus großen Augen, darin noch die Tränen standen. Da warf ich meine Ärmchen um seinen Hals, sprang ihm auf den Schoß und es kam endlich heraus, was mir eine Erlösung schien: "Papa, jetzt bin ich Deine Männ!" Und der Vater streichelte mir mit seiner gütigen Hand den Kopf, drückte mich an sich und ich fühlte, wie es ihm leichter wurde ums Herz, wie er sich freute, daß ich ihm versprach, ihm den Sohn, den einzigen, ersetzen zu wollen. Und so wurde ich der Männ und bin es geblieben bis auf meinen alten Tag!"

Mehr noch, dürfen wir heute sagen, der Stitze Männ hat sein kindliches Versprechen wahrgemacht. Er hat sich im Leben behauptet wie ein Mann, hat, furchtlos wie er war, jeden Kampf aufgenommen und ist Sieger geblieben. Kaum zehn Jahre alt, ruderte der Männ schon allein seinen Nachen über den Rhein. Wenig später besaß er ein eigenes, großes Boot, über dem sich sommertags die weißen Segel blähten. Wie sicher fühlten sich die jungen Wäscherinnen in dem Boot, mit dem der Stitze Männ sie in ihren freien Stunden hinaus auf den Strom ruderte. Ihr Vater, der aus Schwarz-Rheindorf stammte, hatte als Vergolder in Köln, Bonn und Ulm gearbeitet, bevor er sich in Beuel niederließ. Von ihm erbte der Männ die würdige Haltung und die selbstbewußte Art, das Leben anzupacken. Eine elegante Erscheinung, dachten die Beueler damals, wenn sie dem Stitze Männ begegneten. Um diese Zeit, drei Jahre vor der Jahrhundertwende, trat der Männ in die Reihen des Damenkomitees und übernahm sehr bald die Leitung der Weiberfastnacht, in deren Chronik nun ein neues Blatt aufgeschlagen wurde.